Geschichte und Gesellschaftlichkeit der Homosexualitäten denken

Profil und wissenschaftliche Perspektiven eines Forschungsinstituts in Berlin-Mitte

In Berlin-Mitte, wo sich heute das Haus der Kulturen der Welt befindet, bestand während der Weimarer Republik das weltweit erste Institut, das sich im Kontext von Sexualforschung und Emanzipationsbewegung etablierte und unter Leitung von Magnus Hirschfeld (1868 – 1935) in besonderem Maße den Homosexualitäten widmete. Das Institut mit internationalem Renommee wurde 1933 von den Nazis überfallen, die großenteils jüdischen Mitarbeiter ins Exil vertrieben, Sammlungen und Bibliothek geplündert, die Erinnerung an diese Arbeit nahezu ausgelöscht.

Bestrebungen zur Entschädigung und Wiedererrichtung des Instituts nach der Befreiung vom NS-Regime wurden durch die staatliche und gesellschaftliche Weiterverfolgung Homosexueller bis Ende der Sechzigerjahre des vorigen Jahrhunderts behindert und auch darüber hinaus unterbunden. Neue konzeptionelle Bestrebungen zur Wiedererrichtung eines Berliner Instituts in West-Berlin 1987 und an der Humboldt-Universität in der wiedervereinigten Stadt 1990 wurden verhindert – und scheiterten.

An das Vermächtnis des Berliner Hirschfeld-Instituts und an die unabgegoltenen Wiedergutmachungs-ansprüche knüpfen wir an. Wir wollen in kritischer Auseinandersetzung mit Geschichte und Gesellschaft auf zeitgemäße Weise über Homo-sexualitäten nachdenken und dafür ein neues Institut in Berlin-Mitte gründen. Damit partizipieren wir an einer Forderung, die mit beharrlichem Engagement von der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft seit 1982 vertreten und durch das Aktionsbündnis für die Errichtung einer Magnus-Hirschfeld-Stiftung in jüngster Zeit erneuert wurde.

Wir stützen uns auf viele Initiativen, die sich auf spezifische Weise der Geschichte der Homosexualitäten und ihrer Gegenwart zuwandten:

  • die Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft mit ihrer Forschungsstelle zur Geschichte der             Sexualwissenschaft in Berlin,
  • das Schwule Museum mit Ausstellung, Bibliothek und Archiv in Berlin,
  • das Lesben Archiv Spinnboden in Berlin,
  • der Fachverband Homosexualität und Geschichte (Deutschland, Österreich, Schweiz),
  • das Forum Homosexualität und Literatur in Siegen,
  • und nicht zuletzt das 2004 gegründete Aktionsbündnis Magnus-Hirschfeld-Stiftung, in dem sich HistorikerInnen aus ganz Deutschland engagieren, um für die historische Forschung eine nachhaltige Förderung zu erreichen.

Wir wollen ein eigenständiges Institut, das die intellektuellen Ressourcen der WissenschaftlerInnen bündelt und vernetzt, das der Forschung neue Impulse und Anerkennung verschafft und das international Standards setzt.

Im letzten Jahrzehnt entstand in Deutschland eine beachtliche Zahl an Dissertationen und Forschungen zur Geschichte und Vergesellschaftung der Homosexualitäten. Durch empirische Studien und die Diskussion von Theoriemodellen konnte ein vielfältiger Erkenntniszuwachs gewonnen und dadurch der weiteren Forschung einflussreiche Impulse vermittelt werden.

Die Arbeiten entsprossen unterschiedlichen Fachbereichen und universitären Lehrstühlen sowie öffentlich geförderten Forschungsprojekten. Die Forschungsresultate wurden in diversen Verlagen und Schriftenreihen im deutschsprachigen Raum veröffentlicht. Diese herausragenden Forschungsleistungen haben ein wissenschaftliches Feld eröffnet. Sie belegen das Erkenntnispotential und haben neue akademische und intellektuelle Schwerpunkte sichtbar gemacht. Die Tatsache ihrer Streuung und Vereinzelung verweist jedoch gleichzeitig auf strukturelle Defizite, die auf einem Mangel an zielgerichtet einsetzbaren Ressourcen für Vernetzung, Unterstützung und Optimierung der Forschung beruhen. Viele WissenschaftlerInnen werden mit ihrem Thema lediglich als zeitweilige „GastarbeiterInnen" im akademischen Forschungs-feld betrachtet und beschäftigt. Ihre Forschung ist abhängig von befristeten Zeitverträgen, vom Interesse und Wohlwollen einiger LehrstuhlinhaberInnen und gefährdet durch Stellenumbesetzungen ebenso wie von der wechselnden Politik öffentlicher Mittelvergabe beziehungsweise deren Kürzung. Davon sind auch jene außerakademisch tätigen ForscherInnen betroffen, denen es gelingt, im Kontext geschichts-politischer Initiativen kommunale Unterstützung für kurzfristige Forschungsprojekte zu erhalten.

Damit einher geht ein existentielles Dilemma für die WissenschaftlerInnen, die sich mit Engagement dieser Forschungsrichtung verschrieben und grundlegende Sachkenntnis erwarben, allerdings mit ihren Themen im gegenwärtigen akademischen Betrieb kaum Rückhalt und weitere Förderung erfahren. Es bleiben deshalb zumeist zeitweilige biographische und thematische Ausflüge. Ihre Forschungsleistungen sind wie Leuchttürme, die der Orientierung nachfolgender Expeditionen dienen, aber nicht auf einen Hafen verweisen, von dem aus das Forschungsfeld nachhaltig und systematisch erkundet und bearbeitet werden kann. Je mehr in diesem Bereich geforscht wurde, desto deutlicher zeigten sich Forschungsdesiderate in den Geschichts- und Gegenwartswissenschaften.

Vorbildlich haben die universitären Homo-Studien in Utrecht/NL seit Mitte der 1980er Jahre gezeigt, dass es gelingen kann, die erzielten Fortschritte zu verstetigen, wenn die Forschung nachhaltige Unterstützung auf einer soliden Basis erfährt. Hinzu kamen die Gay and Lesbian Studies an nordamerikanischen Universitäten und in neuerer Zeit die Queer Studies, welche der internationalen Forschung und Lehre innovative Anstöße zu grundlagentheoretischen Reflektionen und neue Forschungsperspektiven vermittelten. Neben Kulturwissenschaft und Soziologie gewinnen Philosophie und Politologie an Bedeutung, um die Gesellschaftlichkeit von Homosexualitäten auf zeitgemäß neue Weise zu denken.

In Deutschland und anderen Ländern Europas fristet die Homosexualitätsforschung dennoch meist ein Schattendasein. Die wenigen Ausnahmen, wie in Deutschland das Frankfurter Institut für Sexualwissenschaften, befinden sich in einem permanenten Abwehrkampf gegen weitere Mittelkürzungen oder Schließungen, was die Forschung im Sinne der bürgerlichen Selbstaufklärung weiter erschwert.  Gesellschaftswissenschaftliche Institute in Deutschland sind mehr denn je zu Stichwortgebern von Auftraggebern aus Politik und Wirtschaft avanciert, eine unabhängige und kritische Gesellschaftswissenschaft- und forschung ist aber genauso notwendig geblieben, wie sie es schon immer war.

Die Homosexualitätenforschung ist kein isoliertes Forschungsfeld. Sie stellt sich der Aufgabe, Erkenntnisse aus verschiedenen Wissensfeldern, interdisziplinär notwendigerweise, aufzugreifen. „Wer etwas Vernünftiges zu Sexualität sagen will, hat die gesamte Gattungsgeschichte des Menschen am Hals", schrieb der Leiter des Frankfurter Instituts für Sexualwissenschaft Volkmar Sigusch zutreffend. Nur in einem offenen und institutionell abgesicherten wissenschaftlichen Kontext kann die Homosexualitätsforschung bestehen – nicht, indem das Nachdenken über das Gesellschaftliche des Sexuellen institutionell bedroht oder getilgt wird.

Einem Institut, welches sich selber in der Tradition kritischer Gesellschaftsforschung sieht, kommt die Aufgabe zu, Theorien und gewonnene Forschungserkenntnisse zu debattieren und Denkanstöße zu vermitteln, Perspektiven auf gesellschaftliche Praxis zu entwickeln und sich dabei des selbstreflexiven Potentials kritischer Gesellschaftswissenschaft zu versichern. Hierzu sind einige Impulse von der „Gendertheorie" und den „Queerstudies" in jüngster Zeit ausgegangen. Von gegenwärtiger Relevanz sind ebenso Entwürfe zur Zivil- und Bürgergesellschaft sowie Anregungen aus kommunitaristischen Gesellschaftsmodellen. Auch sie gilt es im Hinblick auf die Inklusion der Homosexualitäten zu begreifen und zum Gegenstand wissenschaftlich kritischen Nachdenkens zu machen.

Ein unabhängiges, internationales Institut der Homosexualitätenfoschung hat die Aufgabe, etablierte Schulen, Theorien und Institutionen zu vernetzen, eine kritische Auseinandersetzung, neue Perspektiven und Theorieansätze zu befördern. Während beispielsweise die Sexualwissenschaften das Feld der Beratung bis hin zu therapeutischen Hilfestellungen abdeckt, kommt einem solchen Institut die Aufgabe zu, als Think-Tank jene Forschungen wirkmächtig zu machen, die das nicht-klassisch Heterosexuelle zu ergründen beabsichtigen.

Das geplante Institut in Berlin versteht sich als internationales Forschungszentrum, das dem Austausch und der Vernetzung der Forschungen dient und zugleich als Mittler und Förderer des Wissenstransfers aktiv wird, während es gleichzeitig internationale Lobbyarbeit leistet. Es wird sich auch jenen Teilen der Welt zuwenden, in denen Schwule und Lesben nach wie vor verfolgt, Repressionen und Diskriminierungen ausgesetzt, in die Verborgenheit gedrängt oder mit dem Tode bedroht werden. Das Institut wird auf dem universellen Gedanken bestehen, dass der Mensch in einer freien Assoziation von Subjekten immer und an jedem Ort der Welt das Recht hat, sich seine und ihre SexualpartnerInnen und seine sexuelle Präferenz so frei wie nur möglich und im gegenseitigen Einvernehmen auszusuchen. Das Institut wirkt darauf hin, die gegenwärtigen Lebensbedingungen Homosexueller (und anderer sexueller Minderheiten) zu analysieren, zu reflektieren und über Möglichkeiten zur Verbesserung der Lage nachzudenken – politische Analysen und Beratungen zählen hierzu ebenso wie die Vergabe von Forschungsaufträgen zur Erstellung von Gutachten und die Veranstaltung von Kongressen und Kolloquien.

Für ein solches Institut halten wir folgende Grundbedingungen für unerlässlich: Wir wollen ein freies akademisch orientiertes Forum schaffen, das:

  • die Homosexualitäten in ihrer Geschichtlichkeit und Gesellschaftlichkeit begreift, den historischen und gegenwärtigen Umgang mit Homosexualitäten untersucht und als Teil von Gesellschaftspolitik und Sozialgeschichte darstellt;
  • die Geschichte der Homophobie und Homosexuellenverfolgung untersucht und zum Gegenstand kritischer Reflexion und gesellschaftspolitischer Erörterungen macht;
  • die Homosexualitäten in die Geschichte und Gegenwart der Geschlechterbeziehungen, in kulturelle Entwicklungen, in die nationale Geschichte und in gesellschaftliche Emanzipationsprozesse einordnet;
  • mit der Untersuchung gesellschaftlicher Selbstbehauptungsversuche und kollektiver             Emanzipations- und Legitimationsstrategien einen Beitrag zur zivilgesellschaftlichen Debatte um Bürger- und Menschenrechte leistet.

Wir wollen ein unabhängiges wissenschaftliches Institut, das:

  • eine multidisziplinäre Diskussion über Forschungsgegenstände und Forschungsthesen, über Methoden und Begriffsbestimmungen, um Theoriedebatten und Theorieentwürfe weiter voranbringt;
  • geschlechterparitätisch besetzt wird und in konstruktiver Zusammenarbeit wie kritischer Selbstreflektion Homosexualitäten in ihrer geschlechterbezogenen Vergesellschaftung bedenkt;
  • der Anerkennung, Verbreitung und Rezeption der Forschung in den akademischen Gesellschaftswissenschaften den Weg bereitet – durch die Herausgabe von Sammelbänden, Handbüchern und Überblicksdarstellungen;
  • einen Forschungsverbund von WissenschaftlerInnen durch Konferenzen, Publikationsreihen und Forschungsprojekte etabliert;
  • die verstreuten Forschungsleistungen durch den Aufbau einer internationalen Forschungsbibliothek sammelt und verfügbar macht;
  • als geistreicher Impulsgeber und materieller Förderer, durch Stipendien und Förderpreise, agieren kann;
  • durch universitäre Vorlesungsreihen zur Historiographie der Homosexualitäten
  • internationale Verbindungen weiter ausbaut, Arbeitskontakte verfestigt und den Austausch der Forschungsergebnisse verstetigt sowie zu komparativen Studien anregt durch

                Gaststipendien,

                Dienstleistungen bei Recherche und Forschungsvorhaben,

                Finanzbeihilfen zur Teilnahme an internationalen Konferenzen,

                Initiierung internationaler Forschungsprojekte;

  • den Erhalt und Ausbau der regionalen Forschungszentren und Archive zur Geschichte der Homosexuellenbewegung in ihrer selbstständigen Existenz und den gewachsenen Forschungsstrukturen unter stützt sowie dazu beiträgt, die lokalen Initiativen bei ihrer Profilierung und Professionalisierung zu stärken.

                durch Mitfinanzierung von Forschungsplanstellen,

                durch finanzielle Beihilfen für Forschungsprojekte und Ausstellungen,

                durch finanzielle Beihilfen für den Ankauf von Nachlässen,

                durch Druckkostenzuschüsse für Quelleneditionen.

Als Tor zwischen West- und Ost-Europa hat Berlin eine besondere Bedeutung. Berlin gehört zu den größten und dichtesten Wissenschaftsstandorten in Europa. An vier Universitäten, sieben Fachhochschulen, drei Kunsthochschulen, mehreren privaten Hochschulen und über 70 außeruniversitären Forschungseinrichtungen lehren, forschen und arbeiten über 50.000 Beschäftigte, entstehen Innovationen für Wirtschaft und Gesellschaft. Diesen Standortvorteil, die vorhandene wissenschaftliche Leistungskraft und die eigenen Forschungsressourcen wollen wir in einem neuen institutionellen Kompetenzfeld nutzbar machen.

Die wissenschaftlichen Schwerpunkte, dies ergibt sich aus dem bisher Gesagten,
werden sich auf folgende Schwerpunkte stützen:

  1. Sicherung einer langfristigen programmatischen und beständigen Forschung
  2. Spezifisches Forschungsprofil im internationalen Kontext von Homostudies, Gay and Lesbian Studies und Queerstudies bei gleichzeitiger Wahrung der Unabhängigkeit von einzelnen Schulen
  3. Ein eigenständiges Forschungsfeld gegenüber der Sexualforschung
  4. Ein eigenständiges Forschungsfeld im Kontext von Sozialwissenschaft und Geschichtsforschung, Psychologie und Ethnologie, Politikwissenschaft und Soziologie
  5. Überwindung der Probleme der gegenwärtigen Infrastruktur in der Forschung
  6. Dezentrale Förderung der Geschichtsschreibung zur Homosexuellenbewegung
  7. Förderung von Forschungen zu gleich- wie verschiedengeschlechtlichen Sexualitäten und ihrer Geschichte weltweit