Ifq kritisiert die Initiative Queer Nations - IQN antwortet

Das lesbisch-feministisch-queer Netzwerk bewertet den Ansatz der Initiative Queer Nations als "patriotisch-nationalistisch" und fordert unter anderem, dass die Initiative einen anderen Namen trägt. Dr. Tatjana Eggeling von IQN zeigt sich erstaunt. Und bereit zum Dialog.

lfq-Positionierung zur Initiative Queer Nations


Mit der nachfolgenden Erklärung kritisiert das lesbisch-feministisch-queere Netzwerk (kurz: lfq), ein Netzwerk von derzeit über 60 Wissenschaftlerinnen vorwiegend aus dem deutschsprachigen Raum, die patriotisch-nationalistischen und integrationspolitischen Prämissen der Initiative Queer Nations und fordert die Initiative zu einem kritischen Dialog auf.

Das lfq-Netzwerk begrüßt und unterstützt die Idee, das Magnus-Hirschfeld-Institut gleichsam neu zu gründen und damit an eine Tradition teils kritischer Sexualwissenschaft anzuknüpfen, die diese mit dem Anspruch gesellschaftlicher Veränderung verbindet. Diesbezüglich müsste ein Teil der Forschungsarbeiten, die im Rahmen des neu zu gründenden Instituts entstehen, sich kritisch mit den problematischen Aspekten der Arbeit des Instituts für Sexualwissenschaft auseinandersetzen bzw. solchen, die im Institutsumfeld entstanden sind und sich mit den Stichworten: Eugenik/Rassenhygiene, Menschenversuche, kolonialistische Implikationen und Reproduktion sexistischer Geschlechterbilder umreißen lassen.
Vielversprechend klingt das Projekt, ein gut ausgestattetes Zentrum (Institut) der Geschlechter- und Sexualitätenforschung, der lgbti-Bewegungen und der Queer Theory zu schaffen, das WissenschaftlerInnen verschiedener disziplinärerer Herkünfte sowie theoretischer (und politischer) Ausrichtungen die Möglichkeit gibt, ihre Forschung unter ökonomisch und akademisch anerkennenden Bedingungen durchzuführen.
Wir bezweifeln jedoch angesichts der programmatischen Formulierungen in der Broschüre der Initiative, dass tatsächlich solch ein breiter, demokratischer Rahmen geschaffen werden soll. Um dies zu ermöglichen, müsste das Institut auch als ein Ort politischer Kontroversen konzipiert sein, der darauf ausgerichtet ist, widerstreitende politische Analysen und Perspektiven auszutragen und der Öffentlichkeit entsprechend zugänglich zu machen.
Dies scheint uns nicht möglich, wenn das Institut, so wie jetzt von der „Initiative Queer Nations“ vorgeschlagen, a) unter patriotisch-nationalistischen Vorzeichen auftritt, sich b) auf eine minderheitenpolitische Argumentation festlegt und c) eine assimilatorische Perspektive der Normalisierung und Integration vertritt.



Vor dem Hintergrund feministischer Kritik an Macht- und Herrschaftsverhältnissen sowie queerer Kritik an Identitätskonstruktionen und Integrationslogiken lehnen wir die drei genannten Prämissen der IQN ab und distanzieren uns davon, unter diesen Vorzeichen Wissenschaft zu betreiben.
Warum denken wir, dass die Position von IQN weder mit lesbisch-feministischen Perspektiven noch mit unserem Verständnis von Queer Theory vereinbar ist?
Viele queere und feministische Ansätze sind durch die Kritik an Minderheitenpolitik gekennzeichnet. Statt Einschluss und Anerkennung von Minderheiten zu fordern, trachten sie diejenigen Prozesse zu verändern, die hierarchische Unterscheidungen von „Mehrheit“ und „Minderheit“, von unhinterfragter „Normalität“ und „Abweichung“ produzieren. Dies heißt zum einen, die Verwendung von Identitätskategorien zu problematisieren, weil damit unweigerlich Normen der Zugehörigkeit und Ausschlüsse geschaffen werden. Zum anderen werden gesellschaftliche Werte, Normen und Institutionen dahingehend untersucht, wie sie zur Reproduktion von Macht- und Herrschaftsverhältnissen beitragen. Und schließlich geht es darum herauszufinden, wie die sozio-kulturelle Organisation von Geschlecht und Sexualität dazu beiträgt, gesellschaftliche Hierarchien, Dominanz- und Gewaltverhältnisse durchzusetzen und aufrecht zu erhalten – und wie Sexualität und Geschlecht hierbei mit antisemitischen, rassistischen, kapitalistischen, (post)kolonialistischen und nationalistischen Mechanismen der Differenzierung ineinander greifen.
 
Insofern queere und feministische Theorie und Politik gesellschaftskritisch ausgerichtet sind, widersprechen Forderungen nach Integration in die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse oder eine Anerkennung durch diejenigen Instanzen, die soziale Dominanz, Unterordnung und Gewalt forcieren, dem kritisch-transformatorischen Anliegen. Die Normalisierung geschlechtlicher und sexueller Lebensformen wäre als Anpassung an, nicht als Kritik und Veränderung dieser Verhältnisse zu verstehen.

Das Ansinnen, in eine „deutsche Nationalgeschichte, auf die man stolz sein kann“ aufgenommen zu werden, knüpft an Diskurse an, die uns nicht geeignet erscheinen, Verantwortung gegenüber der nationalsozialistischen deutschen Geschichte zu übernehmen. Zwar ist es richtig herauszustellen, dass Lesben und Schwule vom NS-Regime in unterschiedlicher Weise verfolgt wurden; ebenso wichtig ist es jedoch anzuerkennen, dass sie zum Teil auch als MittäterInnen und TäterInnen den Nationalsozialismus gestützt haben.


Darüber hinaus hat der Begriff der Nation, auch in seiner Verwendung als Queer Nation, grundlegende Kritik erfahren, insofern er auf Dominanz, Ausschlüssen, Gewaltförmigkeit gründet, in denen sich nicht nur binäre Geschlechterverhältnisse und suprematistische Heteromaskulinität, sondern auch rassistische und (neo-)kolonialistische Diskurse Bestätigung finden.


Darüber hinaus ist den lfq-lerinnen nicht klar, ob und in welcher Form Wissenschaftlerinnen, die in diesem Feld forschen, in die Initiative eingebunden werden sollen, da nicht einmal ein Bruchteil derer angesprochen worden ist, die hierfür einschlägig bekannt sind oder sein müssten.
Überdies stellen die horrenden Vereinsmitgliedsbeiträge einen strukturellen Ausschluss von kleinen Projekten und Vereinen dar und verhindern deren etwaige Partizipation an der Initiative als stimmberechtigtes Vereinsmitglied.

Da das Ziel, einen solchen außeruniversitären Ort der Wissensproduktion zu schaffen, grundsätzlich sehr zu begrüßen ist, fordern wir die Initiative Queer Nation vor dem Hintergrund der angeführten Kritik zu einer Stellungnahme auf. Für eine Unterstützung der Initiative durch das Netzwerk lesbisch-feministisch-queerer Forschung ist eine Veränderung des Namens und eine Revision der (patriotisch-)nationalistischen Programmatik sowie der integrationistischen Perspektive dringend erforderlich.
Im Sinne einer lebendigen politischen Kontroverse und angesichts der medialen Präsenz, die die Initiative für sich beansprucht, haben wir uns entschieden, mit unserer Kritik ebenfalls an die Öffentlichkeit zu gehen, sollte diese Revision nicht eintreten. Wir würden es begrüßen, wenn unsere Kritik sowie eventuell daraus resultierende Debatten auf der website der Initiative veröffentlicht würden.










Wir planen eine Veröffentlichung unserer Stellungnahme, sind aber gern
bereit, bis zum 1. Juni 2006 eine Antwort Ihrerseits abzuwarten.

30. April 2006

Andrea Bettels, M.A. (Berlin/Greifswald)
Susanne Bischoff (Bad Gandersheim)
Ingeborg Boxhammer, M.A. (Bonn)
Prof. Dr. Claudia Breger (Bloomington_USA)
Dr. Gabriele Dennert (Nürnberg/Berlin)
Dr. Antke Engel (Hamburg)
Dr. Waltraud Ernst (Hildesheim)
Dagmar Fink, M.A. (Wien_Österreich)
Dr. Natalia Gerodetti (Lausanne_Schweiz)
PD Dr. Hanna Hacker (Wien_Österreich)
PD Dr. Sabine Hark (Berlin)
Doris Hermanns (Utrecht/Amsterdam_Niederlande)
Jennifer Jäckel, M.A. (Freiburg)
Ulrike Janz (Bochum/Dortmund)
Dr. Claudia Jarzebowski (Berlin)
Anelis Kaiser (London_Großbritannien/Basel_Schweiz)
Elke Kasimir (Berlin)
Katja Koblitz, M.A. (Berlin)
Claudia Koltzenburg, M.A. (Hamburg)
Sonya Kraus, M.A. (Helsinki_Finnland/Berlin)
Dr. Marina Krug (Berlin)
Lena Laps (Bochum)
Dr. Christiane Leidinger (Berlin)
Renate Lorenz (Berlin)
Kerstin Mächler, M.A. (Dresden)
Dr. Madeleine Marti (Zürich_Schweiz)
Dr. Gabriele Mietke (Berlin)
Irene Mueller (Luzern_Schweiz)
Dr. Katharina Pewny (Hamburg/Wien_Österreich)
Heike Raab (Frankfurt)
Franziska Rauchut, M.A. (Berlin)
Dr. Heike Schader (Hamburg)
Dr. Anita Winter (Erlangen)
Dr. Gisela Wolf (Freiburg)

eMail-Kontakt zum lfq: admina@lesbisch-feministisch-queer.de





Liebe Unterzeichnerinnen,


im Namen des Vorstandes von IQN möchte ich Ihnen für Ihre ausführliche Stellungnahme zum Konzept unserer Initiative danken. Wir sehen uns allerdings dazu veranlaßt, sie zu kommentie­ren und auf einige Mißverständnisse hinzuweisen und manches klarzustellen.
  
Den Versuch, an Magnus Hirschfelds Forschungen und sein Institut traditionsbildend an­zuknüpfen, verstehen wir nicht als unkritische Huldigung eines Wissenschaftlers und seiner Leistungen, vielmehr ist es für uns selbstverständlich, die Arbeiten Hirschfelds und seines Instituts in ihrer Zeitgebundenheit zu betrachten. Das ist guter wissenschaftlicher Standard, und der gilt für alle Auseinandersetzungen mit wissenschaftlichen Herangehensweisen und Ergebnissen.
Ihre Vorwürfe, unser Projekt verweigere sich der kontroversen Auseinandersetzung um politi­sche Standorte, es sei undemokratisch, nationalistisch und neokonservativ assimilatorisch haben uns einigermaßen erstaunt.
Produktive und kreative Wissenschaft und freies Denken können nur in einem Klima re­spektvoller Auseinandersetzung mit wissenschaftspolitischen Standpunkten und der offenen Debatte um Theorieansätze und Fragestellungen gedeihen. Das schließt notwendigerweise die Festlegung auf eine einzige Theorie aus und ebenso notwendigerweise ein, das, was Wissen­schaft tut, dort hineinzutragen, wo es sein Feld und Material findet: in die Gesellschaft. Dies verstehen wir als im besten Sinne demokratisch. Folgerichtig sehen wir uns als mitten in der Gesellschaft stehend, von hier aus Wissenschaft betreibend und so, das Glück jeder wissenschatlichen Mühe, gesellschaftlichen Wandel mitgestaltend.

Die Kritik an uns, wir seien nationalistisch, ist in Wirklichkeit keine: Der Anwurf verkörpert eine Lesart unserer Broschüre, die sensiblere Gemüter als böswillig nehmen könnten. Eine Unterstellung ist es so oder so. Denn wir halten es keinesfalls für nationalistisch, von einem solchen Standpunkt aus auf soziale Mißstände und Ausschlüsse gleich welcher Art hinzuweisen, Herrschafts-, Macht- und Ge­waltverhältnisse zu analysieren, um sie begründet zu kritisieren. Für patriotisch ja, wenn dies begriffen wird als Bekenntnis zu einem auf humanistischen Grundlagen basierenden rechts­staatlichen und demokratischen Gemeinwesen, das von der Partizipation aller Gruppen und Individuen lebt und erst so seine Gestalt erhält. (Machen wir uns nichts vor: Weder unsere Initiative noch eine wie von Ihnen verfaßte Stellungnahme wären in einer totalitären Gesell­schaft möglich. Die bestehenden Denkräume und Gestaltungsspielräume nutzen wir alle seit langem, haben zu ihrer Entwicklung beigetragen, und dies gilt es weiterhin zu tun – und das schließt unsererseits ein, die rechtsstaatliche Verfasstheit der Bundesrepublik nicht als Bagatelle zu nehmen.) Uns auf das Wirken in der eigenen Gesellschaft zu beschränken würde jedoch die Absicht des Projek­tes konterkarieren, das Institut als einen Ort internationaler wissenschaftlicher Auseinander­setzungen aufzubauen.

Daher reden wir auch keiner staatstragenden Minderheitenpolitik favorisiert das Wort, vielmehr  aner­kennen wir die Potentiale aller subversiven Strategien, denen es um Kritik an etwa einem sogenannten Integrationsparadigma zu tun ist, das normabweichende Besonderheiten nicht (mehr) zulässt. Wir folgen ebensowenig einem Integrationsbegriff, der bloße und unkritische Assimilation verlangt, nehmen allerdings ernst, daß weite Teile der homosexuellen Community tatsächlich anerkannt und toleriert werden möchten, ohne auf das Eigene, Beseondere zu verzichten. Das mag manchen kritikwürdig sein, ist jedoch zunächst einmal Feld und Material für wissenschaftliche Forschung: Alltagskultur ist nicht immer wohlgefällig – und dogmatischen und klerikal anmutenden Verständnissen von dem, was ein gutes Leben sei, ist dies immer ein Dorn im Auge.

Und über den (west-)europäischen oder nordamerikanischen Tel­lerrand in Gesellschaften geblickt, in denen Homosexualität bei Bedrohung für Leib und Leben im Verborgenen gelebt werden muß, wäre es ein Schlag ins Gesicht derer, die um Anerkennung von und Toleranz für all diejenigen kämpfen, die nicht die Norm der heterose­xuellen Zweigeschlechtlichkeit erfüllen, würden wir uns anmaßen, dies als Strategie zu ver­urteilen, die bestehende Macht- und Herrschaftsverhältnisse stützen wolle.
Selbstverständlich gilt es Identitäten und Kategorien der Zugehörigkeit zu hinterfragen. Doch kann dies nicht darin münden, Identitäten und Identitätspolitiken pauschal als falsch zu ver­urteilen, vielmehr geht es darum, sie wie auch sämtliche Theorien, die diese zu erklären versuchen, auf ihre (identitätspolitischen) Perspektiven und Intentionen hin zu befragen. Identifi­katorische Selbst­verortungen als Strategien zur Bewältigung des Alltags und Menschen als Handelnde und Denkende zu betrachten schafft noch keine Normen der Zugehörigkeit und Ausschlüsse, sondern macht sie zum The­ma. Das mit einer Analyse der sozialen Bedingun­gen zu verbinden, gehört zum Konzept von IQN – alles andere hieße, Wissenschaft blutleer, ahistorisch und politisch wirkungslos zu betreiben.
Damit dürfte auch deutlich geworden sein, daß wir keine „Normalisierung“ von Lebensfor­men erreichen wollen, die alle ihrer möglichen kritischen Potentiale nivelliert oder ignoriert. Eine solche unkritische Perspektive haben wir an keiner Stelle vertreten. Von der Heternormativität abweichende Lebensformen können sich einer sogenannten Normalität gar nicht vollständig anpassen. Vielmehr wäre durch die Selbstverständlichkeit ihrer Existenz, durch ihr Gelebtwerden diese Norm schon in Frage ge­stellt, auch wenn die Akteure und Akteurinnen gar nicht gesellschaftsverändernd wirken wollten; sie hätten durch die Wahrnehmung und Anerkennung ihrer Existenz schon Denken verändert. Einschluß und Anerkennung von Minderheiten schließt unserer Auffassung eine Kritik an Macht- und Herr­schaftsverhältnissen nicht aus, die aus Gesellschaftsanalyse gewonnen wird.
Schließlich ist es für uns ebenso selbstverständlich, die Geschichte der Opfer im NS zu unter­suchen, wie die Frage nach der Mittäterschaft zu stellen. Dies haben wir an keiner Stelle ausgeschlossen oder abgelehnt – auch diese Unterstellung weisen deshalb ausdrücklich zurück.
Ähnliches gilt für die Aufarbeitung der eigenen Bewegungsgeschichten im 20. Jh.; sie kri­tisch zu würdigen kann nur gelingen, wenn auch die blinden Flecken, gedanklichen und tat­sächlichen Beschränkungen und Ausschlüsse benannt und analysiert werden.
Alles andere würde der Komplexität der Geschichte und  nicht gerecht.

Eine Namensänderung und eine grundlegende Revision unserer Konzepte werden wir allein aufgrund Ihres Ultimatums nicht vornehmen (das wäre unserer Meinung nach auch nicht im Sinn einer kontroversen und konstruktiven Auseinandersetzung, wie Sie sie fordern: sie wür­de sich dann erübrigen.) Sie fordern eine Geste der Unterwerfung – und die können und wollen wir nicht leisten. Es scheint das Mißverständnis vorzuliegen, daß wir kein Interesse an einer öffentlichen Auseinandersetzung hätten, im Gegenteil, wir möchten mit unserer Ant­wort auf Ihre Stellungnahme in die Debatte eintreten. Wir wünschen uns sehr, könnten wir unsere Haltungen und Perspektiven in einer öffentlichen Veranstaltung mit Ihnen diskutieren.

Mit freundlichen Grüßen

Tatjana Eggeling


Ps: Bisher sah sich noch kein Verein oder Projekt vom Beitritt zu IQN zurückgewiesen, weil er/es den Beitrag nicht aufbringen konnte.

Göttingen, den 30.5.2006